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Bildungs- und Gesellschaftspolitik
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6 Prüfbausteine der VhU zur Regierungserklärung des hessischen Kultusministers

Wirtschaft lobt Bemühen um bessere Personalausstattung // Und fordert: Systematisches Qualitätsmanagement verbessern // Digitalisierung mehr forcieren

27.09.2017
Frankfurt am Main. Die hessische Wirtschaft hat die gestrige Regierungserklärung von Kultusminister Prof. Dr. Lorz zum Anlass genommen, um mit 6 Prüfbausteinen die hessische Schulpolitik und ihre Ziele guter schulischer Bildung und Förderung an den schulischen Herausforderungen zu messen.
„Wir sehen das Fundament des hessischen Schulwesens gut und zeitgemäß angelegt. Die Schulpolitik hat alle zentralen Herausforderungen erkannt und Verbesserungen eingeleitet: von der Inklusion, Integration, den Kulturtechniken und der Medienbildung bis hin zur beruflichen Bildung“, fasste Dirk Pollert, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU), zusammen. Er ergänzte: „Problemfelder und Lösungsansätze orientieren sich am richtigen Kernziel der individuellen Förderung. Das beginnt mit schulischen Vorlaufkursen und der Vermittlung korrekten Lesens und Schreibens. Und gilt insbesondere für Kinder mit Migrationserfahrung“.

Die VhU begrüßt die bereits zur Schulgesetznovelle am Jahresbeginn formulierten Leitlinien einer bestmöglichen individuellen Förderung als auch die Fokussierung des Regierungshandelns auf Chancengerechtigkeit sowie Qualitätssicherung und -entwicklung von Schule und Unterricht. Mit sechs Prüfbausteinen der Wirtschaft hat die VhU die konkreten Ausführungen des Ministers und die angekündigten Maßnahmen im Einzelnen wie folgt bewertet:

Personalausstattung gut, Personalentwicklung verbessert!


Eine gute Personalausstattung von 105 Prozent und neue Ansätze in der Personalentwicklung seien zentrale Grundlagen erfolgreicher schulischer Arbeit. Die derzeitigen Engpässe, insbesondere etwa an den Grundschulen, zu beheben, sei daher der richtige Weg. Die bereits erfolgte Erhöhung der Ausbildungskapazitäten sei ebenso konsequent wie die deutliche Erhöhung begleitender sozialpädagogischer und psychologischer Personalkapazitäten. Insofern sei auch die Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte als wichtiges Element richtig erkannt, jedoch insgesamt noch konkreter auszugestalten. Eine erstmalige und positive Systematisierung werde mit der neuen Schulleitungs-Qualifizierung in die Wege geleitet. Auch die Angebote der für die Seiteneinsteiger benötigten Lehrkräfte-Qualifizierungen für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache erfolgten aus Sicht der Wirtschaft erfreulich zeitnah. Die VhU befürwortet zudem die neue Erweiterung des Sozialindex um einen Integrationsindex, um personelle Unterstützung vor Ort möglichst bedarfsgerecht zu lokalisieren.

Am Bedarf orientiertes Ganztagsangebot richtig!

Den Ausbau von Ganztagsangeboten weiterhin nicht als Standard, sondern nach regionalen Bedarfen fortzusetzen, ist laut VhU der richtige Weg. Wenn allerdings bisher nur 600 von rund 1.000 Grundschulen teilnähmen, zeige das noch deutliche regionale Lücken. Zudem solle nunmehr der Ausbau von Ganztagsschulen auch stärker bei den weiterführenden Schulen erfolgen. Die einzelnen Schulprofile beim Pakt für den Nachmittag sollten weniger auf Betreuung und perspektivisch stärker auf eine Rhythmisierung des Unterrichts erweitert werden.

Richtiger Doppelweg: Inklusion testen, bewährte Förderstrukturen aufrechterhalten!

Inklusion zu ermöglichen, doch bewährte Förderstrukturen nicht zu zerschlagen sei aus Sicht der Wirtschaft konsequent, bis sich die Möglichkeiten, aber auch Grenzen der verschiedenen Inklusionskonzepte gezeigt hätten. Dies erfordere nach Einschätzung der Wirtschaft jedoch eine größere personelle und fachliche Unterstützung an den allgemeinbildenden Schulen, als bislang vorgesehen sei.

Mehr Gas geben bei Digitalisierung: Bildungscloud für alle Schulen aufbauen!

Die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung blieben in der Regierungserklärung zu randläufig. Neben den erwarteten Infrastrukturhilfen des Bundes im Rahmen des Digitalpaktes zum Netzanschluss und zur Geräteausstattung der Schulen bedürfe es konkreter Aus- und Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte, um die Möglichkeiten der Digitalisierung auch didaktisch wie methodisch im Unterricht zu nutzen. Schüler müssten dabei über methodische Kenntnisse hinaus auch hinreichende fachliche Kompetenzen für das digitale Zeitalter bereits in der Schulzeit erwerben können. Wichtig seien auch Themen wie der Aufbau einer Bildungscloud als für alle Schulen zugängliche Ressource, die Nutzung von im Internet frei zugänglichen Bildungsangeboten und die Kommunikation zwischen Lehrern, Schülern und bei den Berufsschulen auch Ausbildungsbetrieben.

Chancengerechtigkeit konkretisieren!

Die für eine erfolgreiche schulische Laufbahn bislang wichtige Unterstützung der Eltern und Familien sei eine pragmatische, jedoch noch unkonkret beschriebene Absichtserklärung. Im Sinne der verbesserten Chancengerechtigkeit müssten hessische Schüler in Zukunft noch viel weniger von den Erfolgsbedingungen familiärer Unterstützungsstrukturen abhängig werden, um die Schule erfolgreich absolvieren zu können und den Einstieg ins Berufsleben zu schaffen. Dazu gehörten vor allem noch mehr vorschulische Sprachangebote.

Berufsschulen gezielter digital verstärken!


Die Stärkung und der Ausbau der dualen Berufsausbildung, die für die Wirtschaft die wichtigste Quelle für die Gewinnung von Facharbeitern sei und bleibe, komme leider in der Regierungserklärung des Kultusministers zu kurz. Es fehlten die vor dem Hintergrund der Digitalisierung dringend benötigten strategischen und landesweiten Konzepte für die Entwicklung der beruflichen Schulen. Durch die Digitalisierung änderten sich nicht nur die Berufsbilder. Unternehmen setzten vermehrt auf digitale Medien für die interne Kommunikation, die Organisation und Abstimmung von Arbeitsprozessen und die immer wichtigere berufsbegleitende Weiterbildung. Auch wenn diese Kompetenzen (noch) nicht in allen Berufen gleichermaßen erforderlich seien, vergrößere sich die Lücke zwischen der Arbeitsweise in beruflichen Schulen und großen Teilen der Wirtschaft. Überdies sei bereits jetzt die Lehrerversorgung beruflicher Schulen in technischen und naturwissenschaftlich geprägten Berufen gefährdet. Vorhandene Stellenhülsen müssten auch besetzt werden. Obwohl es nicht ausreichenden Nachwuchs über die klassische Lehrerausbildung gebe, fehlten zusätzliche Anreize, um die dringend nötigen Seiteneinsteiger im erforderlichen Umfang zu gewinnen.

Insgesamt würdigte die VhU die gestrige Regierungserklärung von Kultusminister Lorz als gute Grundlage, die nach der erfolgten Schulgesetznovelle wichtige Wegmarken setze, aber sich noch stärker auf Qualität fokussieren sollte. Pollert verwies etwa vor dem Hintergrund der Qualitätssicherung als einer der Leitlinien zur Schulentwicklung kritisch auf den erfolgten strukturellen Rückbau des schulischen Qualitätsmanagements hin, indem die bislang obligatorische externe Schulevaluation weggefallen sei.

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