Ansprechpartner

Ulrich Kirsch
Dr. Ulrich Kirsch
Kommunikation und Presse
Tel: 069 95808-150
Fax: 069 95808-177
E-Mail: UKirsch@vhu.de

Schriftgröße
A A A

Fachkräftemangel: Welche Branchen sind in Hessen besonders betroffen?

VhU Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert in einem Interview mit Dr. Volker Nies, Fuldaer Zeitung

08.09.2017
pollert156.jpgDirk Pollert: Da aktuell die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Arbeitsleben ausscheiden und gleichzeitig immer kleiner werdende Jahrgänge aus der Schule ins Arbeitsleben übergehen, ist tendenziell in allen Branchen mit Fachkräftemangel zu rechnen. Die mittlere Qualifikationsebene der Facharbeiter ist besonders betroffen, da immer mehr Schulabgänger direkt an die Hochschule gehen und weniger Jugendliche eine duale Ausbildung machen. Für das Handwerk und den industriellen Mittelstand könnte es zunehmend schwerer werden, die Produktion aufrechtzuerhalten.
Besondere Engpässe werden für die Gesundheits- und Pflegeberufe prognostiziert. . Menschen ohne Ausbildung werden es dagegen auf dem Arbeitsmarkt in Zukunft noch schwerer haben.

Was rät die VhU betroffenen Unternehmen, um doch noch Fachkräfte zu gewinnen?


Pollert: Meist ist ein Mix aus ganz unterschiedlichen Schritten sinnvoll:
  • Möglichst früh mit Schülern und Studenten Kontakt aufnehmen und über Praktika erste Arbeitserfahrungen anbieten.
  • Betriebliche Ausbildung stärken
  • Schulpartnerschaften
  • Eigene Mitarbeiter fördern und systematisch für zukünftige Aufgaben vorbereiten. Konkrete Aufstiegschancen im eigenen Unternehmen beugen Abwanderungsgedanken vor.
  • Auf dem Arbeitsmarkt nicht nur nach den Idealprofilen suchen, sondern das Netz weiter auswerfen und neue Zielgruppen ins Visier nehmen. Teilzeitarbeit und flexible Arbeitszeiten anbieten, älteren Menschen eine Chance geben, Zuwanderer mit einbeziehen, in Qualifizierung investieren.
  • Für eine positive Arbeitsatmosphäre sorgen, in der Mitarbeiter sich fair behandelt fühlen und in der Leistung und Eigeninitiative belohnt werden. Auf die Führungskultur im Unternehmen achten, denn Mitarbeiter haben in Zukunft mehr Alternativen, wenn sie unzufrieden sind.
In der Metall- und Elektro-Industrie bieten wir z. B. als Arbeitgeberverband HESSENMETALL ein umfassendes Mitmachprogramm zur Nachwuchssicherung für unsere 570 Mitgliedsunternehmen an: Es reicht vom mit interaktiver Elektronik hochgerüsteten Infotruck über die Ausbildungsbörse me-vermitteln.de, die großen hessischen Ausbildungsmessen bis hin zu Schüler-Wettbewerben u.v.a.m..

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Pollert: Die Politik sollte die Probleme und Herausforderungen der demografischen Entwicklung klar benennen. Wir brauchen eine längere Lebensarbeitszeit nicht nur, um die Renten zu sichern, sondern auch, weil wir erfahrene Fachkräfte länger einsetzen wollen. Oft kommt das den jung gebliebenen Alten entgegen, insbesondere, wenn es flexible Lösungen gibt.

Die Politik sollte auch klar kommunizieren, dass Deutschland gesteuerte Zuwanderung braucht. Deshalb sollten auch Flüchtlinge, die eine Ausbildung aufnehmen und hier arbeiten wollen, wie andere qualifizierte ausländische Zuwanderer behandelt und in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Es wird in Zukunft noch wichtiger werden, dass ausnahmslos alle Jugendlichen eine qualifizierte Ausbildung durchlaufen, die sie auf zukünftige Anforderungen im Berufsleben vorbereitet. Wichtig ist auch, dass die Politik gemeinsam mit der Wirtschaft die berufliche Bildung gegenüber einer übersteigerten Fixierung auf ein Hochschulstudium stärkt.

Die duale Berufsausbildung ist sowohl eine attraktive Alternative zum Studium als auch selbst ein Weg in eine akademische Ausbildung. Dies garantiert Hessen durch den direkten Hochschulzugang für gut qualifizierte Facharbeiter (Durchschnittsnote im Facharbeiterbrief von 2,5), der 2016 eröffnet wurde und bundesweit beispielhaft ist. Die Wirtschaft möchte mehr Jugendliche für eine duale Berufsausbildung gewinnen. Aber auch umgekehrt müssen sich die Hochschulen für eine stärkere Praxisorientierung öffnen.


Zu den weiteren Meldungen