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Vladimir von Schnurbein
Dr. Vladimir von Schnurbein
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VhU-Energieforum „Explodierende Netzentgelte - Wer zahlt die Zeche der Energiewende?“

Bartholomäus: „Betreiber von Ökostromanlagen sollten Stromnetze mitfinanzieren.“ // Alsheimer: „Kosten für Energiewende so gering wie möglich halten.“

20.02.2017

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Frankfurt am Main. Hessens Wirtschaft fürchtet eine neue Kostenwelle der Energiewende: Zusätzlich zur EEG-Umlage kommen die rapide steigenden Kosten für den Ausbau der Stromnetze und für die schwankende Einspeisung von Windstrom im Norden.

„Es muss endlich Schluss sein mit einer Energiepolitik nach dem Motto ‚Koste es, was es wolle‘. Die Betreiber von Ökostromanlagen müssen die Energiewende und insbesondere den Ausbau und die Nutzung der Stromnetze mitfinanzieren“, sagte Peter Bartholomäus, Vorsitzender der Geschäftsleitung der InfraServ Wiesbaden, die den Industriepark Kalle-Albert betreibt, und Vorsitzender des VhU-Energieausschusses beim heutigen VhU-Energieforum in Frankfurt.

Weil die Entgelte für die Übertragungsnetze zum 1. Januar 2017 kräftig, zum Teil um 80 Prozent angestiegen sind, haben einige hessische Industrieunternehmen jetzt Zusatzkosten von mehreren Millionen Euro pro Jahr. „Bis zu 2.500 Euro pro Mitarbeiter und Jahr Mehrkosten allein wegen höherer Netzentgelte – das ist die bittere Realität“, kritisierte Bartholomäus. „Die Verteuerung des Produktionsfaktors Strom durch EEG-Umlage, Netzentgelte und staatliche Zuschläge sind für viele hessische Betriebe zum Nachteil im globalen Wettbewerb geworden.“ Betroffen seien aber nicht mehr nur international tätige Industrieunternehmen energieintensiver Branchen. Auch das Handwerk und kleinere Dienstleister spürten die steigenden Kosten der Energiewende.

Dr. jur. Constantin H. Alsheimer, Vorstandsvorsitzender der Mainova AG in Frankfurt, Präsident des Landesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft Hessen Rheinland-Pfalz und Mitglied im Präsidium der VhU, warnte vor einer undurchdachten Abschaffung der sogenannten vermiedenen Netznutzungsentgelte (vNNE): „Die entscheidende Frage ist, wie wir die Kosten für die Realisierung der Energiewende so gering wie möglich halten können. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen sich die volkswirtschaftlich effizientesten Lösungen durchsetzen können.“ Bei den vermiedenen Netznutzungsentgelten für KWK handelt es sich um einen finanziellen Bonus für flexible, netzstabilisierende Einspeisung ins Stromnetz. „Das ist ein volkswirtschaftlich sinnvolles Preissignal. Es hilft, den Netzausbaubedarf zu verringern und wirkt damit letztlich kostendämpfend.“


Hartmut Böse, Geschäftsführer der Messer Industriegase GmbH in Bad Soden, verwies auf die gewaltigen Preisunterschiede innerhalb der Netzbetreiber in Deutschland, die er nicht eins zu eins an seine Kunden, z.B. aus der Stahlbranche, der Automobil- oder auch der Lebensmittelindustrie weitergeben könne: „Die Erhöhung seit 1. Januar 2017 kostet uns in Norddeutschland mehr als 1 Million Euro im Jahr netto, während im Westen und Süden zusätzlich jeweils ca. 200.000 Euro anfallen. Das ist unseren Kunden nicht zu vermitteln. Wir brauchen eine bundeseinheitliche Wälzung der Übertragungsnetzentgelte!“

Henrik Frese, Geschäftsführer des Mühlenbetreibers H. Thylmann GmbH & Co. KG aus Schöneck, zeigte die Schwierigkeiten auf, mit denen gerade kleine und mittlere Unternehmen durch die ständig steigenden Stromkosten sowie durch die wachsende Bürokratie konfrontiert sind: „Wir sind eine Getreidemühle mit 50 Mitarbeitern. Wir können uns keine hochspezialisierten Juristen leisten, um die immer komplexeren Anforderungen für Strompreisentlastungen zu erfüllen. Wir brauchen zumindest in Deutschland energiepolitische Voraussetzungen, die hinsichtlich Standort und Unternehmensgröße wettbewerbsneutral sind. Unser Übertragungsnetzbetreiber Tennet hat zum 1. Januar 2017 die Netzentgelte um 80 Prozent erhöht, dies stellt für uns eine hohe fünfstellige Euro-Zusatzbelastung dar, die in etwa vier Prozent unserer gesamten Personalkosten ausmacht. Dies war zum Jahreswechsel mit Abstand die größte Kostenerhöhung bei den Betriebskosten. Wir fürchten, dass sich die Netzentgelte bis 2020 noch einmal verdoppeln und dann die Größenordnung der EEG-Umlage erreichen werden. Das ist für uns nicht tragbar!“

Dr. Roland Mohr, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft VIK aus Essen sagte: „Die Höchstspannungsnetzentgelte bei der Tennet sind seit 2012 um 151 Prozent gestiegen. Dabei haben sich die Kostentreiber im Stromnetz grundlegend verändert. Die Struktur der Netzentgelte ist jedoch immer noch so aufgebaut, wie vor den Zeiten der Energiewende. Um auch in Zukunft eine sichere und kostengünstige Stromversorgung in Deutschland garantieren zu können – wobei die Industrie eine Schlüsselrolle spielt – brauchen wir ein verändertes Netzentgeltsystem. Dieses muss verursachungsgerecht ausgestaltet sein, die richtigen Anreize für die Steuerung des Verbrauchs setzen und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen durch spürbare Kostendämpfungen bewahren.“

Stefan Weber,
Geschäftsführer der Gießerei Duktus (Production) GmbH aus Wetzlar und Vorsitzender des VhU-Regionalbeirats Mittelhessen, forderte die Politik auf, einen Systemwechsel bei der Finanzierung der Infrastrukturkosten vorzunehmen: „Früher produzierten zentrale Großkraftwerke den Strom, der von den Verbrauchern nachgefragt wurde. Entsprechend logisch war es, dass die Verbraucher die Kosten für die Infrastruktur trugen. Mit der Energiewende stellt die Politik dieses System auf den Kopf. Künftig soll sich der Verbraucher nach dem Angebot richten. Da wäre es nur gerecht, wenn die Anbieter des volatilen Ökostroms sich auch an den Kosten für Netzausbau und Netznutzung beteiligten.“


Die Politik wurde vertreten durch Klaus-Peter Willsch MdB (CDU), Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie im Deutschen Bundestag, Stephan Grüger MdL, industriepolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag, Angela Dorn MdL, energiepolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen im Hessischen Landtag und Dr. Hermann Otto Solms, Mitglied im Präsidium der Bundes-FDP mit Zuständigkeit für Energiepolitik.


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