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Charlotte Venema
Charlotte Venema
Betriebliche Personalpolitik
Tel: 069 95808-296
E-Mail: CVenema@vhu.de


Bildung 4.0 – für die Arbeitswelt der Zukunft

Wie wir unser Bildungssystem neu ausrichten müssen.


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Bildung definiert Lebenschancen.


In Deutschland verweisen wir gerne und mit Recht darauf, dass das duale Ausbildungssystem Jugendliche besonders erfolgreich in das Arbeitsleben integriert und Jugendarbeitslosigkeit weitgehend verhindert. Nicht nur unsere europäischen Nachbarn, sondern auch Länder wie die USA und China experimentieren gerade damit, duale Ausbildungskonzepte in ihre nationalen Systeme zu integrieren.


Wir sind überzeugt, dass die duale Berufsausbildung ein wesentlicher Faktor für die Stärke des
Wirtschaftsstandorts Deutschland ist. Leider sind wir gerade dabei, diese Stärke aus politischem
Opportunismus zu verspielen. Denn in der öffentlichen Wahrnehmung ist die akademische
Ausbildung der Königsweg, der Arbeitsplatzsicherheit, ein hohes Lebenseinkommen und
gesellschaftliches Ansehen garantiert. Deshalb gehen jedes Jahr mehr Jugendliche unmittelbar

im Anschluss an die Schule an die Hochschulen.


Vieles an dieser Entwicklung ist positiv, denn die Qualifikationsanforderungen in der Wirtschaft
steigen. Deshalb ist es prinzipiell zu begrüßen, dass Jugendliche sich anspruchsvolle Ziele setzen.
Sorgen macht uns, dass als Spiegelbild der ständig steigenden Quote von Jugendlichen,
die ein Studium beginnen, Jahr für Jahr weniger Jugendliche in eine betriebliche Ausbildung
gehen. Der Wirtschaft fehlen die Bewerber um Ausbildungsstellen. Gleichzeitig weisen alle Prognosen
darauf hin, dass in Zukunft gerade die beruflich-praktischen Qualifi kationen auf dem
Arbeitsmarkt gesucht sein werden, während Angebot und Nachfrage bei Akademikern überwiegend
ausgeglichen sind.

Der Wissenschaftsrat hat in einer kürzlich vorgelegten Analyse auf einen weiteren, aus unserer
Sicht sehr wichtigen Aspekt hingewiesen. Auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft werden vor allem
Qualifi kationsprofi le nachgefragt werden, die ein hohes theoretisches Wissen mit praktischen
Umsetzungsfähigkeiten verbinden. Kurz gesagt: Wir brauchen sowohl den betrieblichen Praktiker

als auch den Akademiker, aber immer öfter in einer Person.


AUF DEM ARBEITSMARKT DER ZUKUNFT WERDEN VOR ALLEM QUALIFIKATIONSPROFILE

NACHGEFRAGT WERDEN, DIE EIN HOHES THEROETISCHES WISSEN MIT PRAKTISCHEN UMSETZUNGSFÄHIGKEITEN VERBINDEN.


Die Broschüre zeigt auf, wie wir dieses Dilemma lösen können. Wir brauchen strukturelle Veränderungen im Bildungssystem, die es mehr Menschen erlauben, ihre berufl iche Qualifi kation
aus beiden Sektoren zu beziehen. Wir müssen den Mut haben, die gewohnten Bildungspfade zu

verändern.


Diese Broschüre steht damit in einer langen Reihe von Publikationen der VhU zu Bildungsfragen
– von der frühkindlichen Förderung bis zur Weiterbildung. Für Prof. Dieter Weidemann, den
scheidenden Präsidenten der VhU, war nicht nur die konstruktive Auseinandersetzung mit Bildungsfragen ein persönliches Anliegen. Vergleichbare Akzente setzte er auch in allen anderen
wirtschaftsrelevanten Themenfeldern von Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, Verkehr, Energie und
Finanzen, Rechtspolitik und Umwelt bis zur Gesellschaftspolitik. Sein Engagement und seine
Kompetenz waren richtungsgebend und werden auch von denjenigen anerkannt, die in der
Sache andere Auff assungen vertreten. Seine Glaubwürdigkeit und seine ordnungspolitischen
Überzeugungen prägten die Arbeit der VhU über mehr als zwei Jahrzehnte. Eine Würdigung

seines bildungspolitischen Engagements finden Sie in dieser Broschüre.


Volker Fasbender




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Management Summary

BILDUNG 4.0 – FÜR DIE ARBEITSWELT DER ZUKUNFT


Die Wirtschaft durchläuft einen Strukturwandel, dessen Dynamik die Arbeitswelt grundlegend
verändern wird. Daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen für die Ausbildung von Fachund
Führungskräften und die Struktur des Bildungssystems:

  • Über 50 % der Schulabgänger eines Jahrgangs beginnen ein Studium, die Tendenz ist weiter steigend. Auf dem Arbeitsmarkt werden in Zukunft jedoch in besonderem Umfang beruflich praktische Qualifikationen nachgefragt. Dieser Bedarf wird zunehmend ergänzt durch eine wachsende Nachfrage nach Hybridqualifi kationen, die das Umsetzungs-Know-how aus einer beruflich-praktischen Ausbildung mit theoretischen Kenntnissen verbinden, wie sie typischerweise an einer Hochschule vermittelt werden. Das deutsche Bildungssystem beruht jedoch nach wie vor auf den zwei Säulen berufl icher Ausbildung (Facharbeiter, Meister, Techniker, Betriebswirt etc.) und akademischer Ausbildung, zwischen denen ein nur geringer Austausch stattfindet. Deshalb verstärkt das deutsche Bildungssystem in seiner heutigen Struktur den Fachkräftemangel.

  • Der stabile Trend zur Akademisierung führt dazu, dass das duale Ausbildungssystem, das in Deutschland mit zu einem hohen Qualifi kationsniveau beiträgt und Lernen in und an der Praxis in idealer Form in die Ausbildung integriert, seine Klientel verliert. Immer mehr Jugendliche streben unmittelbar an die Hochschulen. Bei zurückgehenden Schulabgängerzahlen und steigender Akademisierungsquote gehen sowohl prozentual als auch absolut immer weniger Jugendliche in eine betrieblich-praktische Ausbildung. Wenn das akademische System zum Mehrheitssystem wird, dürfte sich dieser Trend nochmals verstärken. Da in den nächsten Jahren verhältnismäßig große Jahrgangsgruppen aus dem Arbeitsleben ausscheiden, die überwiegend über eine betriebliche Ausbildung verfügen, kann der Bedarf an berufl ich qualifi zierten Fachkräftenimmer weniger gedeckt werden.

  • Bisher haben Akademiker sowohl ein geringeres Arbeitslosigkeitsrisiko als auch ein höheres Lebenseinkommen. Deshalb gilt eine akademische Ausbildung im öffentlichen Bewusstsein als der Königsweg. Bei einem prozentualen Anteil von über 50 % werden diese Vorteile jedoch in Zukunft nur noch bei einem sehr hohen Leistungsniveau bestehen bleiben. Studienabbrecherquoten von bis zu 50 % zeigen außerdem ein hohes Maß an Fehlorientierung im Bildungssystem.

  • Um die Qualif kationen bereitzustellen, die der Arbeitsmarkt in Zukunft braucht, ist es zunächst erforderlich, die duale Ausbildung attraktiver zu gestalten. Dies wird so lange nicht gelingen, wie die bisherige Abschottung zum akademischen System bestehen bleibt. Jugendliche tendieren dazu, die Bildungswege zu wählen, die ihnen die meisten Optionen eröffnen. Deshalb muss der Zugang zur Hochschule für Facharbeiter ebenso kalkulierbar und planbar gestaltet werden wie für Gymnasiasten oder Absolventen vollschulischer Bildungsgänge an beruflichen Schulen. Um die Studierfähigkeit dieser Gruppe sicherzustellen, sind ( je nach Vorqualifikation und angestrebtem akademischem Ausbildungsweg differenzierte) Zusatzmodule zu entwickeln, die bei einem erfolgreichen Abschluss den Zugang zu den Hochschulen eröffnen. Gleichzeitig ist es jedoch Aufgabe der Hochschule, ihr Lehrangebot so zu gestalten, dass beruflich Qualif zierten der Einstieg in ein Studium erleichtert wird.

  • Der Umbau des Bildungssystems von einem Zweisäulenmodell zu einem Gesamtsystem darf nicht das jeweilige Leistungsniveau absenken. Das Ziel sind die Aufhebung der Pfadabhängigkeit beim Erreichen von Bildungsabschlüssen und der Erhalt des Lernens in der Praxis bzw. die Option für Lernen in der Praxis auf allen Qualifikationsniveaus.

  • Das Berufsbildungssystem aus akademischer und betrieblicher Ausbildung ist in Zukunft so zu gestalten, dass ein Höchstmaß an Durchlässigkeit und unterschiedlichen Ausbildungswegen gefördert wird, die betrieblich-praktisches Lernen mit der Aneignung akademischer Qualifikationen kombinieren. Akademikern ist der Weg zu klassischen beruflichen Qualifizierungsinhalten (etwa aus der Aufstiegsqualifi zierung) ebenso zu eröff nen wie Facharbeitern der Zugang zu akademischen Inhalten (als Module oder als Abschluss auf Bachelor- und Master- Niveau). Dieses Prinzip gilt nicht nur für die Erstausbildung, sondern muss im Sinne lebensbegleitenden Lernens während des gesamten Arbeitslebens zum Tragen kommen. Dazu sind neben dem dualen Studium weitere hybride Modelle zu entwickeln, die diesen Anforderungen entsprechen und auf unterschiedlichen Leistungsniveaus angesiedelt sind. Qualifi zieruzierungenmüssen in vermehrtem Umfang auch berufsbegleitend oder modular möglich sein.